Schneewittchen - Ein Märchen ohne gewohntes Finale

Elfriede hasste ihren Namen vielleicht gerade deswegen so abgrundtief, weil er ihr als modisches „Gesamtkunstwerk“ einen gewaltigen Rückschlag verschaffte.
Das spanische „El“, dem genauso gut „Paso“ angehängt werden konnte, das jedoch zumindest etwas Exotisches zu versprechen vermochte, und dann „Friede“: das tat weh. Und all
die Pein wegen der verstorbenen Lieblingstante ihrer Stiefmutter. Wenn diese nicht schon längst über den Jordan gegangen wäre, hätte Elfriede sie mit Sicherheit eigenhändig und
kaltblütigst ermordet – allein ihres Namens wegen, den Elfriede später erben sollte. Doch dem war nicht genug: Der „Friede“ als Namensanhängsel hatte sich schon über
Generationen durch die Familie gezogen. So kam es, dass Elfriedes Brüder Wilfried, Gottfried und Siegfried, ihr Vater Friedrich und ihre Stiefmutter – ja, die Schuldbeladene, die
gnadelose Täterin – Elke hieß. Dieser Art waren Elfriedes Sorgen und Nöte, wenn sie nicht gerade damit beschäftigt war, ihr Outfit für die Party am kommenden Wochenende zu planen.

„Abendkleidung obligat“ – andere Veranstaltungen hatte Elfriede nicht nötig zu besuchen, wollte sie doch in die Endausscheidung zur Wahl der „Miss Austria“ vorrücken.
„Miss Landjugendball“, „Miss Obertrumer See“, „Miss Flachgau“ und „Miss Salzburg“ – diese Titel hatte sie sich bereits ehrlich verdient. „Miss Austria“, „Miss Europe“, „Miss World“
und „Miss Universe“ – mit welcher (dritten) Art der Konkurrenz man es auch immer dabei zu tun hatte – fehlten also noch in ihrer Sammlung. Und sie war sicher, in jedem dieser Fälle
die Schönste zu sein.

Natürlich musste man für derartige Titel, die einem ein besseres Leben zu verschaffen vermochten, auch etwas tun: Elfriede war Meisterin im Erfassen der wichtigsten Tipps aus diversen
Modemagazinen, ihre erstaunliche Menschenkenntnis verhalf ihr stets zur kompetentesten Beraterin in Parfümerien und ihr aus teuer bezahlten Imageberatungen erworbener Charme
katapultierte Elfriede immer auf Platz Eins, wenn es um Entscheidungen seitens der Männer ging. Elfriede war gerüstet für die Welt der Reichen und Schönen. Das entging auch Elke nicht,
die es zunehmend genoss, mit ihrer so professionell den Tränen nahen „Das hätte ich mir nie gedacht, dass ich gewinnen würde“-Stieftochter in diversen Lokalzeitungen abgebildet zu sein
und Stellungnahmen zur Erziehung ihrer schönen und vielversprechenden Brut zu lesen, immer und immer wieder. Und Elke verstand es auch, Elfriede in die richtigen Kreise einzuführen,
war solch ein medial bekannter Schwiegersohn das einzige, was den beiden zu ihrem Glück noch fehlte.

So kam es, dass Elfriede bereits einen beträchtlichen Kreis von potentiellen Interessenten um sich scharen konnte, lokal-mediale Größen, geistig jedoch Zwerge. Und so kam es auch, dass
Elfriede eine enge Bindung mit jenem Glücklichmacher einging, den fast aus dem Milieu, dem sie bereits angehörte, zu schätzen wussten. Außerdem war der Krank-Look unter Models absolut
angesagt: Zwei Fliegen mit einer Klatsche. Was sie jedoch nicht wusste: Dass sie alle ihre früheren Bekannten, mit denen sie – ihren Maßen sei Dank – nichts mehr zu tun haben musste,
augenzwinkernd aus eben genannten Gründen Schneewittchen nannten.  Man möchte glauben, Elfriede hätte ein vollends sorgenfreies Leben gehabt – abgesehen von Mode- und Habitusfragen.
Dabei sollte man sich täuschen, denn: Elfriede hatte ernst zu nehmende Feinde, genau genommen einen Feind: Siegfried Schneider, ein nutzloser Kunststudent, der den Wiener Aktionismus zu
seinem Diplomarbeitsthema erhoben hatte. Siegfried Schneider war schlimmer als ein Furunkel am Hintern, schlimmer als Galle spucken, schlimmer als ein verwischter Lidstrich, schlimmer
als…-nein, es gab nichts, was annähernd so schlimm war wie Siegfried Schneider.

Es war am Tag der Wahl zur „Miss Salzburg“, als Elfriede erstmals Bekanntschaft mit oben Genanntem – vermeiden wir den verhassten Namen – schloss. Elfriede hatte gerade ihre Schärpe
angelegt und ihr Krönchen ins Haar gesteckt bekommen, ihr natürlichstes Lächeln aufgesetzt und ihr herzzerreißendstes „Das hätte ich mir nie gedacht, dass ich gewinnen würde“ hinter sich g
ebracht, als sie sich krampfhaft anstrengte, auf die Frage, was sich denn für die Zukunft wünsche, eine originelle Antwort zu finden (der Weltfrieden war ihr verhasst – so wie alles, was mit
„Friede“ endete…). Ihre Ausführungen wurden jedoch durch ein unvermutetes Schmunzeln der Jury und des Publikums überschattet, welches schließlich in ordinärem, schallendem Lachen
mündete. „Eine Schönheit ist vergessen worden!“, poltert es von hinten und ein vertrauter, jedoch schon längst aus den Biografien verdrängter Geruch ließ sich sanft auf der gesamten Bühne
nieder. Es ist zweifelhaft, was bei Elfriede größere Entrüstung hervorrief, als sie sich umdrehte: Siegfried Schneider oder die Kuh, ja, eine echte, scheckige Milchkuh mit demselben Abendkleid,
das auch alle anderen Kandidatinnen trugen. „Die Zuchtviehschau ist noch nicht zu Ende!“, hörte man Siegfried Schneider rufen, während er seine Elvira über den Laufsteg begleitete. Die Presse
triumphierte und Elfriede wusste nicht, wie sie das schmerzhafte Kameralächeln noch länger beibehalten konnte, ohne einen Gesichtskrampf zu erleiden.

„Schneewittchen und das tapfere Schneiderlein“ konnte man in der nächsten Woche von allen Lokalzeitungen lächeln sehen. Elvira in ihren eleganten Abendkleid war den Presseleuten sogar ein
extra-großes Foto wert, Elfriede und Siegfried mussten sich eines, ein kleineres, teilen. Die „Miss Salzburg“ war also kleiner als eine Kuh und gleichwertig wie Siegfried Schneider – was hatte sie
verbrochen, in einem früheren Leben vielleicht? Drei Wochen nach jenem schwarzen Tag spekulierte man sogar, ob die beiden ein Paar – ein unverhofftes Paar wie aus dem Märchen – seien.

Nicht einmal im Märchen ...

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